Preprint – LIFE-EUROKITE-Studie zur Sterblichkeit von Rotmilanen

Das LIFE-EUROKITE-Projekt freut sich, den Preprint einer bedeutenden wissenschaftlichen Arbeit mit dem Titel „High human-caused mortality in GPS-tracked red kites across Europe“ anzukündigen. Die Studie wird derzeit bei npj Biodiversity begutachtet und hat noch keinen formellen Peer-Review-Prozess durchlaufen.

Dennoch stellt die Studie die bislang umfassendste Analyse der Sterblichkeit von Rotmilanen (Milvus milvus) auf dem europäischen Festland dar. Zwischen 2013 und 2022 verfolgten die Forscher 2.346 Rotmilane mithilfe hochauflösender GPS-Satellitentelemetrie, wodurch 979 Todesfälle erfasst und untersucht werden konnten. Illegales Töten, insbesondere Vergiftungen, wurde als häufigste nicht-natürliche Todesursache identifiziert, wobei Vergiftungen allein 25 % aller Fälle ausmachten. Zu den Ursachen zählen der Einsatz von Rodentiziden, Maßnahmen zur Raubtierbekämpfung und Praktiken der Wildbewirtschaftung.

Als wichtige Indikatorart für das Ökosystem spielt der Rotmilan eine bedeutende Rolle bei der Überwachung der biologischen Vielfalt in Europa.

Diese Arbeit setzt neue Maßstäbe beim Einsatz fortschrittlicher Ortungstechnologien zur Unterstützung des Artenschutzes und verdeutlicht die entscheidende Bedeutung grenzüberschreitender Zusammenarbeit, um die Sterblichkeit von Greifvögeln zu verringern und das langfristige Überleben der Art zu sichern.

Preprint: High human-caused mortality in GPS-tracked red kites across Europe, 2026

https://www.researchsquare.com/article/rs-9705180/latest

Statements zu den Ergebnissen

  • Mithilfe eines beispiellosen Datensatzes und der neu entwickelten LEAP-Methode (Connor et al. 2025) zeigen wir, dass die vom Menschen verursachte Mortalität die natürliche Mortalität bei Rotmilanen in Europa deutlich übersteigt. Der Rotmilan ist eine wichtige Bioindikatorart für den Zustand von Ökosystemen. Durch die Nutzung europaweit erhobener GPS-Telemetriedaten überwindet unser Ansatz die Einschränkungen häufig verwendeter Methoden wie Ringfunde oder opportunistische Kadaversammlungen und ermöglicht belastbarere Rückschlüsse auf die Ursachen der Mortalität. Zu den wichtigsten Gefährdungsfaktoren gehören Vergiftungen, Kollisionen mit Straßen- und Schienenverkehr, Kollisionen und Stromschlag an Freileitungen, illegale Verfolgung durch Abschuss und Fang sowie Kollisionen mit Windenergieanlagen. Zudem zeigen wir deutliche Unterschiede zwischen europäischen Ländern hinsichtlich des Expositionsrisikos und des Beitrags von Vergiftungen, Stromleitungsmortalität und Abschüssen zur Gesamtmortalität.

  • Die illegale Tötung (Vergiftung, Abschuss und Fang) stellt die häufigste Todesursache des Rotmilans dar.

  • Vergiftungen, verursacht durch Rodentizide, Maßnahmen zur Kontrolle von Beutegreifern im Nutztierbereich sowie Praktiken des Wildmanagements, waren europaweit die häufigste anthropogene Todesursache und machten rund ein Viertel aller Todesfälle aus. Um den illegalen Einsatz von Giften und die gezielte Tötung von Greifvögeln und großen Beutegreifern zu bekämpfen, sind gezielte Maßnahmen erforderlich. Dazu gehören die Anpassung bestehender Gesetze, eine konsequentere Durchsetzung rechtlicher Vorgaben sowie Informationskampagnen zur Sensibilisierung und Aufklärung von Jägern und Landwirten in Regionen mit erhöhtem Risiko für Vergiftungen und Abschüsse.

  • Wildtiere sind entlang von Straßen und Bahnstrecken bislang nur unzureichend vor Kollisionen geschützt; Ausnahmen bilden lediglich einzelne Abschnitte von Autobahnen und Hochgeschwindigkeitsstrecken. Zur Verringerung dieser häufigen Todesursache sollten die Wirksamkeit gezielter Schutzmaßnahmen wie standortspezifischer Warnbeschilderung, verbesserter Kadaverbeseitigung sowie verstärkter Nutzung von Wildtiererkennungssystemen untersucht werden.

  • Minderungsmaßnahmen sind für das Gelingen der Energiewende in der Europäischen Union von zentraler Bedeutung. In allen untersuchten europäischen Ländern verursachten Windenergieanlagen nur einen vergleichsweise geringen Anteil der durch Infrastruktur bedingten Mortalität (3,8 % gegenüber 10,9 % durch Straßenverkehr und 5,4 % durch Schienenverkehr). Freileitungen, die sowohl Windenergieanlagen als auch andere Energieinfrastrukturen begleiten, waren für 9,9 % der Mortalität verantwortlich. Der European Green Deal wird voraussichtlich zu einem weiteren Ausbau der Windenergie an Land und möglicherweise auch der zugehörigen Freileitungsnetze in weiten Teilen Europas führen. Während Länder mit bislang geringer Windenergienutzung einen Ausbau planen, wird in Ländern mit bereits stark entwickelter Windenergie – beispielsweise Deutschland – vor allem ein Repowering mit weniger, aber größeren Anlagen erwartet.

    Obwohl unsere Ergebnisse zeigen, dass Windenergie auf europäischer Ebene im Untersuchungszeitraum (2013–2022) nur einen relativ geringen Beitrag zur Rotmilanmortalität leistete, kann die Mortalität durch Windenergieanlagen regional deutlich höher ausfallen als in unserer Studie beobachtet. Regionale Untersuchungen dokumentierten zahlreiche durch Windenergieanlagen getötete Rotmilane anhand von Kadaversuchen und opportunistischen Funden. Diese Methoden erlauben jedoch keine Bewertung der proportionalen Bedeutung dieser Todesursache im Vergleich zu anderen Mortalitätsursachen. Die in unserer Studie verwendete LEAP-Methode ermöglicht hingegen einen direkten Vergleich verschiedener Todesursachen und ihrer relativen Häufigkeit.

    Der weitere Ausbau der Windenergie wird die Exposition von Rotmilanen gegenüber Kollisionen erhöhen. Deshalb ist eine sorgfältige Planung und Standortwahl von Windenergieanlagen erforderlich. Verschiedene Minderungsmaßnahmen stehen bereits zur Verfügung, darunter abschaltgesteuerte Systeme auf Basis von Vogelerkennung (bird detection-driven curtailment), wie sie beispielsweise für den Steinadler (Aquila chrysaetos) eingesetzt werden, oder prädiktive Abschaltungen während kritischer Zeiträume wie dem Höhepunkt des Vogelzugs. Eine aktuelle GPS-Telemetriestudie legt nahe, dass Windenergieanlagen mit größerer Bodenfreiheit das Kollisionsrisiko für Rotmilane verringern könnten, da sich die Überlappung zwischen den Flughöhen der Vögel und dem Gefahrenbereich der Rotoren reduziert. Bei gleicher Bodenfreiheit scheint zudem ein größerer Rotordurchmesser das Kollisionsrisiko pro installierter Leistung zu senken, wobei dieser Effekt für andere Arten unterschiedlich ausfallen kann. Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, den Ausbau der Windenergie aufmerksam zu begleiten und wirksame Maßnahmen zur Verringerung von Kollisionen bei Rotmilanen und anderen empfindlichen Arten weiterzuentwickeln.

    Während an Windenergieanlagen ausschließlich Kollisionen als Todesursache auftreten, umfasst die Mortalität an Freileitungen sowohl Stromschlag als auch Kollisionen. Das Risiko von Stromschlägen lässt sich durch die Nachrüstung bestehender Leitungen wirksam reduzieren, wie beispielsweise in Deutschland, wo vogelsichere Konstruktionen gesetzlich vorgeschrieben sind. Gesetzliche Regelungen und Naturschutzmaßnahmen haben in Spanien sowohl Stromschlag- als auch Kollisionsraten gesenkt; dennoch stellen diese Todesursachen in vielen anderen Teilen Europas weiterhin ein erhebliches Problem dar. Von allen Todesfällen an Freileitungen waren 75,8 % auf Stromschlag zurückzuführen. Während Nachrüstungen das Stromschlagrisiko deutlich reduzieren oder sogar beseitigen können, bleiben Kollisionen mit Freileitungen bestehen. Als häufige Minderungsmaßnahme werden Vogelschutzmarkierungen (bird flight diverters) eingesetzt, am wirksamsten ist jedoch die Erdverkabelung, da sie sowohl Kollisionen als auch Stromschläge verhindert. Ein erfolgreiches Beispiel liefert Ostösterreich, wo inzwischen 66 % aller neuen Mittelspannungsleitungen unterirdisch verlegt werden.

    Mit dem fortschreitenden Ausbau der Energieinfrastruktur sind wissenschaftlich fundierte Minderungsstrategien erforderlich, um Stromschläge an Mittelspannungsmasten sowie Kollisionen an Windenergieanlagen und Freileitungen zu vermeiden. Dazu bedarf es wirksamer gesetzlicher Regelungen, die auch praktisch umgesetzt werden, beispielsweise durch die Nachrüstung bestehender Freileitungen, um die Auswirkungen der Energieinfrastruktur auf Rotmilane und andere Wildtierarten zu verringern.

  • Prädation ist eine häufige natürliche Todesursache des Rotmilans. Die vergleichsweise hohen Prädationsraten sind vermutlich auf eine hohe Dichte und Aktivität von Prädatoren zurückzuführen. Darüber hinaus könnten sekundäre Faktoren wie Krankheiten oder Vergiftungen die Anfälligkeit der Vögel gegenüber Prädation erhöhen.

  • Schutzmaßnahmen müssen der räumlichen Heterogenität der Gefährdungen auf geeigneten räumlichen Ebenen Rechnung tragen. Die Analyse standardisierter Mortalitätsrisiken zeigt erhebliche Unterschiede zwischen den europäischen Ländern und verdeutlicht die Notwendigkeit differenzierter Naturschutzstrategien. Die Bewältigung dieser Herausforderungen erfordert sowohl länderspezifische Maßnahmen als auch grenzüberschreitende Kooperationen zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, um die anthropogenen Auswirkungen auf Wildtiere europaweit wirksam zu reduzieren.

  • Die Todesursachen unterschieden sich kaum zwischen subadulten und adulten Rotmilanen. Dies unterstreicht, dass sich Schutzmaßnahmen nicht ausschließlich auf adulte oder brütende Individuen konzentrieren sollten, sondern auch subadulte Vögel einbeziehen müssen, da ihre Mortalität erhebliche Auswirkungen auf die Populationsdynamik haben kann.

  • Unterschiede zwischen dem Sommeraufenthaltsland und dem Land, in dem der Tod eintrat, verdeutlichen die vielfältigen Gefährdungen, denen Rotmilane während ihrer Migration ausgesetzt sind.

  • Auf internationaler Ebene werden eine verstärkte Zusammenarbeit der Strafverfolgungsbehörden, ein besseres Bewusstsein für die wichtigsten Gefährdungen der Rotmilanpopulationen sowie grenzüberschreitende Bildungs- und Sensibilisierungskampagnen entscheidend dazu beitragen, den langfristigen Schutz der Art sicherzustellen.

  • Einschränkungen der Studie und zukünftige Perspektiven
    • Die Analyse berücksichtigte ausschließlich die primäre Todesursache.
    • Unterschiede in der Exposition gegenüber Gefährdungsfaktoren zwischen den Ländern konnten nicht berücksichtigt werden. So könnten Rotmilane in Ländern mit einer höheren Dichte an Windenergieanlagen einem größeren Kollisionsrisiko ausgesetzt sein.
    • Einige Fälle eines plötzlichen Ausfalls der GPS-Sender könnten tatsächlich auf Abschüsse oder Kollisionen mit Straßen- oder Schienenverkehr zurückzuführen sein, wodurch die anthropogene Mortalität möglicherweise unterschätzt wurde.
    • Da die besenderten Vögel nicht zufällig ausgewählt wurden, repräsentiert die Stichprobe die gesamte europäische Rotmilanpopulation möglicherweise nicht proportional. Deshalb wurden die Anteile der Todesursachen anhand der Populationsgröße gewichtet. Die Ergebnisse sind insbesondere für Schlüsselländer wie Spanien und Deutschland belastbar. Für andere Länder (z. B. Italien, Luxemburg oder Belgien) waren die Stichprobengrößen jedoch zu gering, um belastbare Analysen durchzuführen. In diesen Regionen sind verstärkte Besenderungsprogramme für Rotmilane oder andere geeignete Bioindikatorarten erforderlich.

 

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